Matthias D. Wüthrich: Gott und das Nichtige: Zur Rede vom Nichtigen ausgehend von Karl Barths KD § 50 (Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2006), 400 Seiten, € 38,00.


Rezension von Alexander Massmann (Juni 27, 2008)


"Wir sind einig in Christus, aber nicht im Teufel." Mit diesen Worten kommentierte Barth ironisch seine Auseinandersetzung mit lutherischen Theologen über den Teufel. In der vorliegenden Monographie untersucht Wüthrich die Entwicklung von Barths Interpretation des Nichtigen, wie Barth das Böse nannte, bis zu Barths § 50 (KD III/3; 1950) und darüber hinaus. Er bewertet Barths theologische Entscheidungen und schließt mit einem eigenständigeren Kapitel über die heutige Auseinandersetzung mit dem Thema des Nichtigen.

Nach Wüthrich gab es bislang keine Monographie, die sich mit dem Nichtigen in der Komplexität auseinandersetzt, die bei Barth geboten ist. Krötkes Untersuchung "Sünde und Nichtiges" vernachlässigt, dass Barth auch Teufel, Dämonen, Tod und Chaos zum Nichtigen zählt. Wüthrichs Buch ist außerdem die erste strikt historisch-genetische Rekonstruktion der Entwicklung von Barths Beitrag zum Thema. Darüber hinaus rezipiert Wüthrich eine große Zahl von englisch- und deutschsprachigen Beiträgen. über 2000 Fußnoten, mehrere Exkurse und viele Passagen im Petit-Druck steuern zahlreiche Detailbeobachtungen bei.

Zu den Stärken Barths zählt Wüthrich seine anschauliche Sprache, die zahlreiche Erfahrungsbereiche erschließt, seine Aufmerksamkeit für Phänomene der kollektiven Verblendung sowie seine dramatische, narrative Darstellungsform. Die Schwächen sind jedoch "nicht unerheblich" (335): Barth tendiere zu ungeschichtlichem Denken und verneine die Fähigkeit, das Nichtige in konkreten Erfahrungen zu identifizieren. Mit seiner Ansicht, das Nichtige sei besiegt, "gesellt" er sich "zu den Freunden Hiobs" (369). Wüthrich selbst betont dagegen die biblischen Traditionen der Klage, die er als Voraussetzung einer sachgemäßen Beschäftigung mit dem Nichtigen betrachtet.

Wüthrichs historisch-genetische Analyse legt bemerkenswerte Entwicklungen in Barths Denken frei. In III/1 führt Barth das Nichtige auf Gottes Zulassung zurück. Dort nennt er Satan und Dämonen gefallene Geschöpfe, und die Schöpfung kann "sehr gut" genannt werden unter dem Vorbehalt, dass man durch einige dunkle Wolken hindurchsieht, die – paradoxerweise – nach Christi Sieg bereits verschwunden sind. In § 50 hält Barth es dagegen für Blindheit, das wirkliche Nichtige mit der Schöpfung zu verwechseln. Indem er es von Gott und der Schöpfung unterscheidet, spricht er von einer eigenartigen dritten Weise des Daseins. Darüber hinaus gewinnt die Schattenseite der Schöpfung an Bedeutung. Mit diesem Begriff fasst Barth gewisse übel zusammen, die nicht letztlich böse oder nichtig sind, sondern zur Schöpfung gehören. Nichtsdestotrotz ist die Schöpfung eindeutig gut, und die Schattenseite ist vom Nichtigen zu unterscheiden. Doch fatalerweise, so Barth, wird die Schattenseite der Schöpfung oft für das Nichtige gehalten – was gerade auf das hinterhältige Wesen des Nichtigen zurückzuführen ist und seiner Verharmlosung gleichkommt. Das ist eng verbunden mit dem Gedanken, der besonders kennzeichnend für § 50 sein dürfte: Das wirkliche Nichtige wird allein in der Geschichte Christi erkannt – insofern es am Kreuz bereits besiegt ist.

Barths Unterscheidung zwischen dem Nichtigen und den 'guten', geschöpflichen übeln wirft die Frage auf, woher das Nichtige seine eigenartige Daseinsweise bezieht. Barth hält fest, dass nach Schleiermacher die Erlösung – oder das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit – der Sünde vorausgeht, die Schleiermacher als Schwäche des Gottesbewusstseins auffasst. Obwohl Barth dem Neuprotestantismus eine Verharmlosung der Sünde vorhält, lobt er Schleiermachers Ansicht, dass das Böse "nur in seiner Beziehung zur Erlösung" existiert. Da nach Barth die Erlösung auf die Erwählung zurückgeht, wendet er Schleiermachers Gedanken auf das Nichtige an, indem er ihn in die Erwählungslehre einfügt. Wüthrich erläutert, dass die Erwählungslehre zum Motor in der Entwicklung von Barths Denken wird. Daraus resultiert das Paradox von Gottes generativer Verwerfung: Gott erwählt den Menschen und verwirft das Nichtige; doch nicht nur die Erwählung ist wirksam, sondern die Verwerfung bringt geradezu ihren eigenen Gegenstand hervor. Damit wird das Böse jedoch weder geschaffen noch gewollt, sondern als zum Nicht-Sein Verworfenes erhält es Dasein. Das Nichtige entsteht aufgrund der Erlösung durch die unausweichliche generative Effektivität von Gottes Ablehnung.

CoverNach Wüthrich führt diese verwickelte logische Konstruktion jedoch nicht zu einem besseren Verständnis der Geschichte Jesu Christi. Stattdessen verteidige Barth ein abstraktes Allmachtsverständnis gegen den Vorwurf, dass Gottes Erwählung vom Bösen angefochten wird (103). Außerdem ist Gott gemäß dieser Konstruktion heilig, so dass er das Böse nicht bejaht, und ein manichäischer Dualismus wird abgewehrt. Wüthrich nennt das Paradox der generativen Verwerfung eine "regulative Grenzaussage" (106), da sie besonders dazu diene, Gottes Allmacht und Heiligkeit zu wahren.

Vermutlich ist der Begriff der regulativen Grenzaussage gemäß Kants "regulativer Idee" zu verstehen. Demnach erhöbe Barth keinen Anspruch, die Wirklichkeit zu beschreiben; vielmehr entwürfe er lediglich ein heuristisches Prinzip, das hypothetisch auf die Einheit des Denkens vorgreift. Allerdings implizieren Wüthrichs Ausführungen, dass das Paradox den Begriff der Allmacht gar nicht rechtfertigen kann (106), und er schließt sich der Kritik an, dass es sogar auf eine Verewigung des Bösen hinausläuft (331f).

Barths Paradox der generativen Verwerfung ist möglicherweise von der Passion Christi inspiriert. Wüthrich erwähnt Barths Ansicht, dass das Nichtige auf Golgatha zu Gottes Instrument wurde, mit dem Gott das Nichtige selbst besiegte (166). In einem anderen Kontext notiert er ebenfalls, dass sich das Nichtige "[u]nter Gottes Verfügung" ereigne (35; vgl. 328; 353) – so laut den ersten drei Worten des Leitsatzes zu § 50. Barth selbst erläutert, dass das Nichtige – "das [Gott] nicht dienen will – ihm dennoch dienen muss: seinem Wort und Werk, der Ehre seines Sohnes ..." Laut den abschließenden Worten des Paragraphen muss das Nichtige "denen, die [Gott] lieben, zum Besten dienen" (III/3, 367). Insgesamt hätte bei Wüthrich noch deutlicher werden können, dass Barth mit den ersten und letzten Worten in § 50 Gottes instrumentelle Verwendung des Bösen besonders hervorhebt – fünf Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.

Auf die Problematik dessen weist Wüthrich eher indirekt hin, indem er beschreibt, wie Barth 1945 Asmussen und Thielicke kritisierte, laut denen eine dämonische Macht die Deutschen "zu all jenen Greueltaten trieb" (238f). Barth betrachtete das als einen voreiligen Versuch der Exkulpation. Einerseits lehnte Barth das Nichtige als Flucht vor der Verantwortung ab, doch andererseits war er sich bewusst, dass weder ein Staat noch die theologische Zunft vor kollektiver Blindheit gefeit ist (241). Dem entspricht Wüthrichs Beobachtung, dass Barth dem Nichtigen eine "Prävenienzstruktur" zuschreibt, die nicht auf den menschlichen Willen (195) oder die Folgen der Sünde reduziert werden dürfe.

Diese Gedanken zeigen erneut, dass das Nichtige schwer greifbar ist, so dass es leicht unterschätzt wird. Barths christologisches Vorgehen ist entscheidend angesichts dieser überzeugung. Nichtsdestotrotz führt die besondere christologische Methode aus KD III zu dem verbreiteten Vorwurf des ungeschichtlichen Denkens (Berkouwer). Nach Christi Sieg ist das Nichtige, so Barth, nur noch ein schwindender Schatten; seine Macht beruht lediglich "auf der Blindheit unserer Augen" (III/3, 424).

Zunächst begegnet Wüthrich dem Vorwurf der Geschichtslosigkeit mit der Analyse des Redemodus in § 50. Er zeichnet sich wiederholt durch narrative Elemente aus: "Nun nimmt er ... es auf sich, ... der ... Angegriffene und Geschädigte zu sein ... Nun wirft er wirklich sich selbst in diesen Streit" (III/3, 411f). Dieses narrative, performative Voranschreiten wendet allmählich Glaubensernst in Osterfreude. Doch die geschichtliche Dimension von Barths Denken geht noch darüber hinaus. In § 69.3 schildert Barth das prophetische Amt Christi als andauernden Kampf, in dem es darum geht, dass wir Christi Sieg erkennen und daran teilnehmen. § 69 beschreibt, so Wüthrich, "die Zu- und Aneignung des Sieges Jesu Christi" als "äußerst fragil und gefährdet" (314).

Nichtsdestotrotz betrachtet Wüthrich Barths Aussage kritisch, dass das Nichtige nur noch einer Illusion gleichkommt. Zunächst stellt er ihr anderslautende Aussagen des NT entgegen (317). Er beobachtet zudem, dass die letzten Worte in § 69.3, das Bekenntnis "Jesus, der Sieger!", bereits mit dem ersten Wort, der überschrift "Jesus ist Sieger" feststeht, was dem Eindruck einer kontingenten geschichtlichen Entwicklung widerspricht. Barth selbst räumt ein, dass Krankheit "keine Illusion ist" (III/4, 414) und dass es "überkühn" klingen mag, dass das Nichtige keine objektive Existenz habe (III/3, 419). Insgesamt nennt Wüthrich den Vorwurf der Geschichtslosigkeit nicht unberechtigt.

Barth verneint in § 50, dass man das wirkliche Nichtige in konkreten Erfahrungen erkennen kann, wenn man nicht den christologischen Voraussetzungen aus KD III folgt und die Macht des Leidens ungebrochen scheint. Wüthrich hegt deshalb den Verdacht, dass es Barth ist, der hier das Nichtige verkennt (330). Außerdem fragt er, weshalb Barth den Sieg Christi gerade mit dem Kreuz begründet und nicht mit der Auferstehung (167). Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass menschliches Leiden die angemessene Aufmerksamkeit erhält, wenn das Kreuz viel stärker als Sieg denn als Niederlage betrachtet wird.

Wüthrichs sorgfältige Analyse weist zurecht auf solche Probleme hin. Jedoch liegt m.E. zudem eine Spannung vor, die die Bewertung von Barths Denken erschwert. Es scheint plausibel, Barths Sensibilität für kollektive Verblendung zu loben und sein Misstrauen gegenüber einer voreiligen Diagnose des Nichtigen mitten im Leid zu kritisieren. Beide Aspekte hängen jedoch in Barths Denken enger zusammen, als es zunächst scheint, so dass es problematisch ist, den guten zu wählen und den schlechten zu verwerfen. Zwar kann man die individuelle Erfahrung nicht unter Generalverdacht stellen. Doch weshalb sollte das Urteil leidender Individuen vor Blindheit gefeit sein, andere kollektive Entscheidungen aber nicht? Beispielsweise wurden die Anschläge vom 11. September als eminent böse erfahren, was daraufhin jedoch zur Rechtfertigung politischer Maßnahmen diente, die z.T. noch schlimmere Folgen hatten. Mit der Wahrnehmung des Bösen liegt ein umfassenderes theologisches Problem vor.

Insgesamt bevorzugt Wüthrich Barths Interpretation des Bösen in III/1 gegenüber der in III/3. Er urteilt, dass die Bewertung der Schöpfung als "sehr gut" in Gen 1 schwere Ambivalenzen umfasst. Entsprechend betont das letzte Kapitel biblische Traditionen der Klage, die Wüthrich als die angemessene Weise betrachtet, mit Erfahrungen des Bösen umzugehen. Interessanterweise würdigt Barth die Klage, wenn es ihm nicht gerade auf die Unterscheidung zwischen Nichtigem und der Schattenseite der Schöpfung ankommt (340); sonst tendiert er dazu, sie als sündigen Trotz betrachten. Ebenfalls weiß die systematische Theologie insgesamt – wie etwa auch "Praise and Worship"-Gottesdienste – nur wenig mit der Klage anzufangen, und sie ignoriert bisweilen drastisches Leid. Indem Wüthrich Jesu Schrei der Gottverlassenheit betont, wählt er allerdings wie Barth einen christologischen Zugang. Mitten im Leid kann die Klage menschliche Würde wiederherstellen. Darüber hinaus meint Wüthrich, dass im Leid "Gott gegen Gott" wirke (353; vgl. 347). Das steht jedoch in Konflikt zu seinem Protest "Wider die Versöhnung Gottes mit dem Elend" (345). Er plädiert dafür, die Theodizeefrage zu stellen, sie jedoch offenzuhalten (374f). Schweigend vorausgesetzt bleibt dabei Gottes Allmacht. Vermutlich hätte es den Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt, hier zu größerer Klarheit zu gelangen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass sich Wüthrich für zwei Voraussetzungen einer neuen Theologie des Nichtigen ausspricht: Sie sollte nicht wie § 50 zwischen der guten Schattenseite der Schöpfung und dem ungeschaffenen Nichtigen differenzieren, sondern das Böse in eine komplexere Auffassung der Schöpfung integrieren. Außerdem sollte das Problem des Leids in einer Redeweise thematisiert werden, die der Klage nahesteht.

"Gott und das Nichtige" ist ein substanzieller Beitrag zur Barthforschung und gibt subtile Hinweise zur Rede vom Nichtigen. Wüthrichs Urteil ist wohlwollend, aber nicht unkritisch. Bisweilen hätte eine Reduzierung der Informationsfülle geholfen, eigene Thesen stärker zu konturieren. Barths theologische Entwicklung wird als eine Theologie im übergang dargestellt, die aus der klassischen Tradition teils hilfreiche, teils fragwürdige Elemente übernimmt, die biblische Gesichtspunkte letztlich zu wenig beachtet und die es wagt, in der Dogmatik neue Wege einzuschlagen – mit teils guten, teils problematischen Folgen.

The views expressed here are strictly those of the author; they do not necessarily represent the views of the Center for Barth Studies or Princeton Theological Seminary.